Hitzefrei – Ist das der Klimawandel?

Ich will ehrlich sein: Es ist so warm, dass ich eigentlich gar nicht schreiben will. Die Hitze macht mich richtig langsam im Kopf. Eigentlich will ich nur eines: Zu See, raus aus den Klamotten, rein ins Wasser und abkühlen. Stattdessen schreibe ich jetzt über eine Frage, die ich als Meteorologin in letzter Zeit häufig höre: Ist das der Klimawandel? Ist es zur Zeit so heiß, weil wir Menschen zu viel CO2 ausgestoßen haben?

Ist es heute so heiß, weil die Menschen so viel CO2 ausstoßen?

Auf diese Frage muss ich als Wissenschaftler mit einem klaren “das ist nicht so einfach” antworten. Denn leider ist in der Wissenschaft das Meiste komplizierter als man es sich zunächst vorstellt. Wir kennen diese Fragestellung unter dem Begriff "Zuordnung" (englisch attribution). Dazu gehören zwei Schritte:

1. Das Erkennen von Klimawandel, d. h. feststellen dass sich das Klima erwärmt (hat).

2. Das Feststellen des Grunds für den beobachteten Klimawandel.

Für beide Schritte muss man eine statistische Auswertung machen, damit man zweifelsfrei sagen kann, dass sich das Klima erwärmt hat, und dass dies durch menschliche Aktivitäten ausgelöst wurde.

Mal ehrlich

Mal ehrlich, wir wissen alle, dass sich das Klima erwärmt und dass wir Menschen daran Schuld sind. Wer etwas anderes behauptet, verschließt einfach nur die Augen vor der Wahrheit. Als Wissenschaftler tun wir uns nur schwer, das genau so zu sagen. Es ist uns quasi unmöglich, Dinge zu sagen wie: “Wir sind uns zu 100% sicher.”

Das liegt einfach an der Natur der Wissenschaft: Die wissenschaftliche Methode, so wie sie seit dem 17. Jahrhundert praktiziert wird, beruht auf einer großen Portion Skeptizismus. Eine Hypothese wird aufgestellt, um sie zu prüfen, werden Experimente durchgeführt oder anderen Daten gesammelt, die Ergebnisse werden statistisch ausgewertet und dann kritisch interpretiert. Wir werden quasi dazu erzogen, alles anzuzweifeln. Deswegen liest man häufig von einer hohen “Konfidenz” oder Gewissheit, wenn es um Fragen des Klimawandels geht. Was wir eigentlich damit meinen, ist, dass wir uns verdammt sicher sind, dass es den Klimawandel gibt und dass wir Menschen daran Schuld sind.

Manchmal kann ich mich etwas über die vorsichtige Ausdrucksweise der Wissenschaft aufregen. Ich finde, dass wir manchmal etwas mutiger sein sollten.

Aber zurück zum Thema: Ist die momentane Hitzewelle ein Teil des Klimawandels?

Dazu müssen wir zu den zwei Schritten der “Zuordnung” zurückgehen.

1. Hat sich das Klima verändert?

Ein einziger heißer Tag oder eine Hitzewelle ist noch keine Klimaveränderung. Das heißt, dass man an einem heißen Tag nicht sagen kann, “das ist der Klimawandel.” Denn: Klima bedeutet, dass man sich einen langen Zeitraum, typischerweise 30 Jahre, ansieht. Zum Beispiel können wir uns die Klimastatistik für den Monat Juni in Leipzig ansehen.

Klimadaten aus Leipzig

Dort sehen wir, dass der Mittelwert der Temperatur für den Juni 2019 bei 22.2 °C liegt. Der Mittelwert der Jahre 1970 bis 1999, also der klimatologischen Referenzperiode von 30 Jahren, liegt nur bei 17.1 °C. Das heißt, dass der Juni 2019 ganze 5.1 Grad wärmer ist als der Durchschnitt.

Außerdem sehen wir, dass die höchste Juni-Temperatur, die an unserer Messstation je gemessen wurde, nur ein paar Tage alt ist: am 26.06. hatten wir unglaubliche 37.3 Grad in Leipzig! Das ist die höchste Temperatur, die im Juni seit Beginn unserer Messungen aufgezeichnet wurde.

Unser Institut hat aus diesem Anlass sogar einen Tweet abgesetzt.

Nicht nur in Leipzig wurden die Temperaturrekorde letzte Woche geknackt. Aus ganz Deutschland gab es Meldungen, dass der vergangene Mittwoch der wärmste Junitag seit Beginn der Aufzeichnungen war.

Der zweite Schritt ist die Feststellung des Grunds für die erhöhte Temperatur. Dazu verwenden Wissenschaftler Klimamodelle. Zum Beispiel kann man den Temperaturanstieg durch den CO2-Ausstoß der Menschheit bestimmen, indem man das Klimasystem einmal mit diesem zusätzlichen CO2 und einmal quasi “ohne Menschen” modelliert. Dadurch kann man feststellen, wie stark der Effekt des Menschen auf das Klima ist und die physikalischen Prozesse, die dabei eine Rolle spielen, besser verstehen.

Das heißt, einzelne Hitzetage kann man nicht dem Klimawandel zuschreiben. Allerdings treten diese Hitzewellen wegen des Klimawandels häufiger auf. Wenn man sich den Trend der Temperatur ansieht, ist klar, dass sich das Klima sehr deutlich erwärmt. Ein inzwischen sehr bekanntes Beispiel sind die Warming Stripes der Scientists for Future (siehe unten).

Die Bilder in diesem Beitrag stammen von Julia D'Alkmin und Atte Grönlund auf unsplash. Vielen Dank dafür!

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